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Gedenken an Familie Faber

Brief der VVN-BdA Kreisvereinigung Siegerland-Wittgenstein an den Netphener Bürgermeister vom 6.1.2003

Wenigstens einmal im Jahr denken wir an das, was damals seinen weithin sichtbaren Ausdruck fand. Wenigstens einmal im Jahr kommen wir hierher und lesen im Eingang zum Museum die Namen der Kinder, Frauen und Männer, die ermordet wurden. Sie haben einen Namen, sie haben ein Mitbestimmungsrecht unter uns in unseren Empfindungen und Entscheidungen. [...] Es ist gut, einmal im Jahr auch hier: Einhalten, die Namen lesen und nennen, Trauerarbeit. Stilles Nachdenken! Ein Ritual im besten Wortsinn. Ohne solche Rituale wären wir orientierungslos.

Aus: Manfred Zabel,
Gedenkansprache zum 64. Jahrestag der Zerstärung der Siegener Synagoge durch die Nationalsozialisten am 10. November 1938

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

wie uns Ihre Verwaltung mitgeteilt hat, hat der Kulturausschuss der Stadt Netphen beschlossen, in der Nähe des ehemaligen Wohnhauses der Familie Faber eine Gedenktafel zu errichten. Wir begrüßen dieses ausdrücklich. Nicht in unserem Sinne ist es jedoch, für die Gedenktafel einen allgemeinen, auf alle Opfer des Nationalsozialismus gemünzten Text zu wählen.

Das Besondere an regionalem Gedenken ist es doch, die allgemeinen historischen Ereignisse in einen regionalen Bezug zu setzen, um den Menschen die Geschichte und in diesem Falle die Verbrechen der Nationalsozialisten leichter begreifbar zu machen.

Der Nationalsozialismus herrschte auch in Netphen. Dies zu zeigen und dass wir Nachgeborenen uns dieser Schuld stellen, ist die Aufgabe einer Gedenktafel zum Andenken an die Netphener Juden. Ihr Hinweis, dass es auch in Netphen andere Opfergruppen gegeben hat, wirft Fragen auf: 1. Wer waren diese? 2. Lassen diese Opfer sich benennen? 3. Wenn nicht, ist es dann nicht Aufgabe der Stadt Netphen, ein Forschungsprojekt in Auftrag zu geben, welches die Geschichte des Nationalsozialismus in Netphen ergründet?

Heute gibt es noch Menschen, die sich der Familie Faber erinnern. Wer kann dies in zehn Jahren noch? Wir hatten Gelegenheit, mit Frau Eleonore Schmallenbach zu sprechen, die eine Jugendfreundin von Anita Ruth Faber war. Solche Gespräche sind immer wieder sehr bewegend. Anita Ruth, die Tochter der Familie Faber, erlebte eine normale Kindheit in Netphen. Sie ging hier zur Schule bis ihr die Nazis dies untersagten, weil sie Jüdin war. Sie hatte Freunde hier, doch niemand verhinderte, dass sie im Alter von nur 15 Jahren deportiert und letztlich ermordet wurde. Wenn heutigen Teenagern der Wahnsinn des nationalsozialistischen Terrors deutlich gemacht werden soll, wie ließe sich das besser erklären, als anhand der erschütternden Biografie einer Gleichaltrigen, mit der sie sich identifizieren können. Dies geht nur, wenn ihr Schicksal für sie begreifbar wird. Auch dies ist Aufgabe regionalen Gedenkens.

Immer wieder wird man konfrontiert mit den Zahlen der Ermordeten. Doch was bewegt die Zahl in einem selbst? Wie soll man sich diese unfassbare Zahl von Menschen, getötet von Menschenhand, begreiflich machen, wenn man nicht hinter jeder Ziffer den Menschen und das individuelle Schicksal erkennt?

Fabers waren Netphener, dies hat der ehemalige Ortsvorsteher Raimund Wagener uns gegenüber einmal geäußert, weshalb er der Ansicht war, dass Ihr Andenken auch nach Netphen gehöre. Die Nationalsozialisten haben ihnen verwehrt, Netphener zu sein. Die Ausgrenzung gipfelte schließlich in ihrer physischen Vernichtung. Daran müssen wir uns immer wieder erinnern und deshalb gehören ihre Namen auch auf die Gedenktafel, damit sie nie vergessen werden.

Die Nennung der Namen von Opfern an Orten des Gedenkens ist auch in Netphen durchaus üblich, zum Beispiel im Falle der Ehrentafeln für die Opfer der beiden Weltkriege. Aus den genannten Gründen halten wir eine Ausnahme gerade in diesem Falle für falsch.

Wir bitten Sie, diese Gedanken bei der endgültigen Entscheidung zu berücksichtigen. Einen Textvorschlag für die Gedenktafel haben wir beigefügt.

Über einen persönlichen Gedankenaustausch in dieser Angelegenheit würden wir uns sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Joachim Mertens
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes -
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- Siegerland-Wittgenstein -


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